Lager “Vulkan”

Am 4. Dezember 1944 kamen aus Rastatt nach 32stündiger Fahrt ungefähr 700 Häftlinge am Bahnhof in Haslach an. Es waren vor allem Gefangene aus dem Sicherungslager „Schirmeck-Vorbruck“ im Elsass, das am 21. November 1944 vor dem Heranrücken der französischen Truppen geräumt wurde. Die Häftlinge waren in die Festung nach Rastatt transportiert worden, wo bereits andere Gefangene untergebracht waren.Es handelte sich um viele Elsässer, die sich weigerten, in die Wehrmacht oder die SS einzutreten. Andere waren im Widerstand organisiert. Sie halfen vor allem beim Überwechseln der Verweigerer vom Elsass in die westlichen Gebiete oder unterstützten die untergetauchten Landsleute. Oft waren es auch einfach Denunziationen, die zur Verhaftung führten. Eine sehr große Zahl Elsässer und Franzosen waren einfach als Geißeln für die Untergetauchten festgenommen und in die Lager gesteckt worden.
Unter den Gefangenen befanden sich Franzosen, Polen, zwei Amerikaner, sowie mehrere hundert Ukrainer, die den Dienst für die Deutschen verweigert hatten.
Als die Häftlinge am 4. Dezember 1944 in Haslach ankamen, mussten sie todmüde, hungrig, durstig, völlig durchnässt unter dem ständigen Gebrüll der Wachleute hinauf in die Stollen am Vulkan laufen. Dort stieß man sie mit dem Lauf der Gewehre in die unterirdischen Gänge, die sie für vier Monate buchstäblich verschlangen. Alle Häftlinge hatten den gleichen Gedanken:
„Hier kommen wir nicht mehr lebend heraus.“
Für viele sollte sich diese Befürchtung bewahrheiten.
In einem eiskalten und vor Nässe triefenden Stollen waren die Häftlinge auf engstem Raum zusammengepfercht. Ihr Nacht- und Krankenlager bestand aus Holzbohlen, die man mit einer Lage Stroh bedeckte, das niemals erneuert wurde. Unter diesen „Schlafstätten“ lief immer Wasser hindurch, das auch die Exkremente der Häftlinge enthielt, da die Notdurft zunächst nur auf den Boden, später in ständig überlaufende Toilettenkübel verrichtet wurde.
Zu den unmenschlichen, hygienischen Bedingungen kam die Auszehrung durch harte Arbeit. Für die geplante, unterirdische Rüstungsproduktion wurden Abwasserleitungen gelegt, Stollen ausgebaut und der Boden betoniert, Steine gebrochen und behauen. Wer beim Bau der Straße eingesetzt war, empfand es als ein großes Glück, wenigstens zeitweise das Tageslicht zu erblicken und frische Luft zu atmen, was anderen vier Monate lang nicht möglich war.




 Stollenausgang des Lagers Vulkan
 Aufnahme 1946



Der Gesundheitszustand wurde immer erbärmlicher. Der fortwährende Hunger und der körperliche Zerfall zermürbte die Häftlinge und beraubte sie jeder menschlichen Würde. Der Lagerleiter, SS-Sturmscharführer Kraus, ließ die Exkremente aus dem Krankenrevier regelmäßig über Kartoffelschalen und andere Küchenabfälle ausgießen. Dennoch wuschen die Häftlinge sie mit dreckigem Bodenwasser ab und aßen sie auf.

Mehrmals versuchten Häftlinge, die in der Nähe des Hundezwingers von Kraus arbeiteten, die reichlichen Essensreste aus dem Fressnapf auszukratzen. Strenge Strafe erwarteten jeweils diese Häftlinge. Kraus hetzte seinen abgerichteten Hund auf den ertappten Häftling, der fürchterlich zugerichtet wurde. Einen anderen Häftling sperrte man mit dem Hund ein und überließ ihn seinem Schicksal.
Eine unbeschreibliche Verlausung plagte die Häftlinge auf ihren morastigen Lagern. Jeden Abend und auch in der Nacht waren die Männer stundenlang damit beschäftigt, die Zahl der Läuse ein wenig einzudämmen. Wer dazu nicht in der Lage war, wurde buchstäblich vom Ungeziefer aufgefressen.
Nicht nur durch Verletzungen und Krankheiten starben viele Häftlinge, sondern auch durch Erschießungen als Strafmaßnahmen. Ungefähr zehn französische Offiziere der Resistance-Bewegung verschwanden spurlos. Eine Verschwörung von mehreren Ukrainern endete nach Verrat mit deren Erschießung. Russische Häftlinge, die nach einer missglückten Flucht wieder ergriffen wurden, führte man in den Wald und erschoss sie. Andere Fluchtversuche endeten mit schweren Strafen.
Wegen dieser Morde, vor allem aber wegen der unmenschlichen Zustände und den fortwährenden Misshandlungen nannten die Häftlinge das Lager: „Höllenlager Vulkan“.
Bis zum März 1945 wurden mehrer Häftlingstransporte in andere Lager durchgeführt. Am 28. März 1945 verlegte man die verbliebenen Häftlinge hinunter in die Stadt in das Lager „Sportplatz“. Von dort marschierten nun auch sie den täglichen Weg hinauf zum Vulkan.
Am 9. April 1945 wurde das Lager aufgelöst. Die Häftlinge kamen in andere Lager in Württemberg oder mussten den beschwerlichen Evakuierungsmarsch nach Sigmaringen mitmachen.
Eine größere Zahl von Gefangenen wurde aber auch entlassen, sie kamen bei Haslacher Handwerkern oder auf Bauernhöfen der Umgebung unter. Dort erlebten sie die Befreiung am 21. April 1945.